Der Brustkorb des Hundes: Form, Funktion und Bedeutung

Der Brustkorb des Hundes wird beim funktionellen Körperbau oft unterschätzt. Sein Aufbau beeinflusst nicht nur Herz, Lunge und Atmung, sondern auch Vorderhand, Schulterbewegung und die gesamte Fortbewegung.

Wenn über den funktionellen Körperbau eines Hundes gesprochen wird, richtet sich der Blick häufig zuerst auf die Winkelung der Vorder- und Hinterhand. Doch Bewegung entsteht niemals durch einzelne Körperteile isoliert voneinander. Auch der Brustkorb hat erheblichen Einfluss darauf, wie sich ein Hund bewegt.

Er schützt Herz und Lunge, ist an der Atmung beteiligt, bestimmt wesentlich die Breite des Körpers und bildet gleichzeitig die Grundlage, an der die Vorderhand über Muskulatur und Bindegewebe am Rumpf aufgehängt ist. Seine Form beeinflusst damit nicht nur das Platzangebot für die inneren Organe, sondern auch die Lage der Vordergliedmaßen, die Beweglichkeit der Schulterblätter und letztlich den gesamten Bewegungsablauf.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Brustkorb schützt Herz und Lunge und verändert bei der Atmung sein Volumen.
  • Seine Form steht in enger funktioneller Beziehung zu Schulterblatt, Vordergliedmaßen und Bewegung.
  • Beim Dalmatiner ist ein tiefer, geräumiger und gut gewölbter, aber nicht tonnenförmiger Thorax erwünscht.
  • Brusttiefe allein genügt nicht: Entscheidend ist das Zusammenspiel von Tiefe, Breite, Rippenlänge und Rippenwölbung.

Aufbau und Funktion des Brustkorbs

Anatomie des Brustkorbs beim Hund

Der Brustkorb des Hundes besteht üblicherweise aus 13 Brustwirbeln und 13 Rippenpaaren. An der Unterseite liegt das Brustbein (Sternum), das aus mehreren, durch Knorpel verbundenen Segmenten aufgebaut ist.

Der vordere Abschnitt des Brustbeins bildet das Prosternum, das bei entsprechender Ausprägung vor dem Schultergelenk zu erkennen oder zu ertasten ist. Nach hinten endet das Brustbein im Schwertfortsatz (Processus xiphoideus).

Bei der Einatmung verändern Rippen, Brustbein und Zwerchfell gemeinsam Form und Volumen des Thorax. Neben pump- und eimerhenkelähnlichen Bewegungen rotieren besonders die unteren Rippen auch um die Wirbelsäule. Die Atemmechanik ist daher komplexer als das vereinfachte Bild einer reinen „Eimerhenkelbewegung“.

Die Form des Brustkorbs

Grundsätzlich lassen sich beim Hund unterschiedliche Brustkorbformen unterscheiden. Sie reichen vom schmalen über verschiedene ovale Formen bis hin zum runden beziehungsweise tonnenförmigen Brustkorb.

Brustkorbformen im Vergleich

Welche Form funktionell sinnvoll ist, hängt von der jeweiligen Rasse und ihrer ursprünglichen Aufgabe ab.

Ein runder Brustkorb bietet ein großes Innenvolumen und führt gleichzeitig zu einer breiteren Stellung der Vordergliedmaßen. Bei entsprechend gebauten Rassen kann dies erwünscht sein.

Ein schmaler und tiefer Brustkorb, wie man ihn beispielsweise bei vielen Windhunden findet, ermöglicht dagegen eine relativ flache seitliche Fläche, über die sich das Schulterblatt effizient bewegen kann.

Die meisten Hunderassen liegen zwischen diesen Extremen und besitzen einen mehr oder weniger ovalen Brustkorb.

Dabei ist ein wichtiger Punkt zu beachten: Brusttiefe allein sagt wenig über die Qualität und das tatsächliche Volumen des Brustkorbs aus.

Volumen entsteht aus dem Zusammenspiel von Tiefe, Breite, Rippenlänge und Rippenwölbung. Ein sehr tiefer, aber schmaler und flachrippiger Brustkorb kann weniger Raum bieten als ein etwas weniger tiefer, dafür gut gewölbter Thorax.

Rippenwölbung und Brustbreite

Der häufig verwendete Begriff „spring of rib“ beschreibt die Wölbung der Rippen von der Wirbelsäule aus nach außen. Zu flache Rippen führen zu einem schmalen, seitlich abgeflachten Brustkorb. Im Englischen wird ein solcher Körperbau häufig als „slab-sided“ bezeichnet. Das andere Extrem ist ein übermäßig runder oder tonnenförmiger Brustkorb. Beides kann die Stellung und Bewegung der Vordergliedmaßen beeinflussen. Ein breiter, stark gerundeter Thorax positioniert die Vordergliedmaßen weiter auseinander. Ein sehr schmaler Brustkorb führt dagegen zu einer engeren Stellung. Damit können Auffälligkeiten im Bewegungsablauf entstehen, die nicht ausschließlich auf Schulter, Oberarm, Ellenbogen oder Pfoten zurückzuführen sind, sondern ihren Ursprung zumindest teilweise in der Form des Brustkorbs haben.

Der Brustkorb als Gleitfläche für das Schulterblatt

Das Schulterblatt besitzt keine direkte knöcherne Verbindung zum Rumpf. Die Vordergliedmaße ist über Muskeln und Faszien am Thorax aufgehängt; das Schulterblatt liegt seitlich dem Brustkorb an und bewegt sich während des Gangwerks über dessen Oberfläche.

Die Form des Thorax kann deshalb die Mechanik der Vorderhand mitbeeinflussen. Bei der Beurteilung von Schulterblatt, Ellenbogen und Vordergliedmaßen sollte sie stets als Teil der gesamten Konstruktion berücksichtigt werden.

Was bedeutet das für den Dalmatiner?

Beim Dalmatiner ist diese Betrachtung besonders wichtig.

Sein Brustkorb soll tief und geräumig sein, dabei aber weder übermäßig breit noch tonnenförmig wirken. Die Rippen sollen ausreichend gewölbt sein, ohne eine runde Fassform entstehen zu lassen.

Gesucht ist also nicht möglichst viel Brust, sondern ein funktioneller, ausreichend voluminöser und harmonisch in den Körper integrierter Thorax.

Die notwendige Geräumigkeit soll nicht hauptsächlich durch Breite entstehen, sondern durch das Zusammenspiel von Brusttiefe, Rippenlänge und Rippenwölbung.

Ein zu breiter Brustkorb würde die Vordergliedmaßen weiter auseinanderstellen und könnte zu einem breiteren Bewegungsablauf der Vorderhand führen. Ein zu schmaler und flachrippiger Brustkorb wäre ebenso wenig erwünscht, da er wenig Volumen bietet und eine sehr enge Stellung der Vordergliedmaßen begünstigen kann.

Die Lage des tiefsten Brustpunktes

Beim Dalmatiner ist nicht nur entscheidend, wie tief der Brustkorb ist, sondern auch, wo sein tiefster Punkt liegt. Von der Seite betrachtet liegt der tiefste Punkt des Brustkorbs etwas hinter dem Ellenbogen und wird durch diesen optisch überlagert. Der Thorax erreicht seine größte Tiefe also nicht bereits unmittelbar zwischen den Vorderläufen, sondern etwas weiter hinten. Diese Form trägt wesentlich zur typischen Rumpfkontur bei. Ein Brustkorb, der bereits sehr weit vorne stark nach unten gezogen ist, kann die Vorderpartie schwer und tief erscheinen lassen. Beim Dalmatiner ist dagegen eine harmonische Entwicklung des Thorax nach hinten erwünscht.

Tiefe ist nicht gleich Länge

Ebenso wichtig wie die Brusttiefe ist die Ausdehnung des Rippenkorbs nach hinten. Ein Hund kann unmittelbar hinter den Vorderläufen eine durchaus tiefe Brust besitzen und trotzdem einen insgesamt kurzen Rippenkorb haben. Für die Beurteilung des funktionellen Rumpfes lohnt es sich deshalb, nicht nur auf den tiefsten Brustpunkt zu achten, sondern den gesamten Verlauf der Rippen zu betrachten:

  • Wie weit reicht der Rippenkorb nach hinten?
  • Wie entwickelt sich seine Wölbung?
  • Wie groß ist der Abstand zwischen letzter Rippe und Becken?
  • Wie fügt sich der Brustkorb in das gesamte Körperformat ein?

Brustkorb und Vorderhand gehören zusammen

Gerade beim Dalmatiner sollte die Vorderhand niemals isoliert beurteilt werden. Schulterblatt, Oberarm, Ellenbogen, Vordergliedmaßen und Brustkorb bilden eine funktionelle Einheit. Ein Hund kann auf dem Papier gute Winkelungen besitzen und sich trotzdem nicht optimal bewegen, wenn die Form des Brustkorbs die Stellung oder Beweglichkeit der Vorderhand ungünstig beeinflusst.

Zeigt ein Dalmatiner beispielsweise einen auffällig breiten Bewegungsablauf der Vorderhand, seitlich ausschwingende Vorderpfoten oder weit vom Körper abstehende Ellenbogen, sollte daher nicht nur die Winkelung betrachtet werden. Auch Brustbreite, Rippenform und Thoraxkonstruktion können Teil der Ursache sein. Dasselbe gilt für einen sehr engen Bewegungsablauf bei einem schmalen, flachrippigen Hund. Das Gangwerk ist häufig das sichtbare Ergebnis mehrerer miteinander verbundener anatomischer Merkmale.

Die Bedeutung für den typischen Bewegungsablauf

Der Dalmatiner ist kein schwerer, kompakter Hund, sondern ein ausdauernder, bewegungsfreudiger Laufhund. Sein Körperbau muss deshalb einen freien, harmonischen und raumgreifenden Bewegungsablauf ermöglichen. Dafür genügt es nicht, lediglich auf gute Winkelungen zu achten. Die Schulterblätter müssen sich frei bewegen können, die Ellenbogen funktionell am Körper liegen und die Vordergliedmaßen ohne unnötige seitliche Ausweichbewegungen nach vorne geführt werden können. Ein korrekt geformter Brustkorb schafft dafür die anatomischen Voraussetzungen.

Die Unterlinie als Teil des Gesamtbildes

Auch die Unterlinie darf nicht losgelöst vom Brustkorb betrachtet werden. Beim Dalmatiner soll der Bauch moderat aufgezogen sein. Die Unterlinie darf weder den stark aufgezogenen Eindruck eines Windhundes vermitteln noch schwer und nahezu horizontal verlaufen. Vom tiefsten Punkt des Brustkorbs aus sollte sich die Unterlinie harmonisch nach hinten entwickeln. Auch hier gilt: Nicht ein einzelnes Merkmal entscheidet über die Qualität des Hundes, sondern das Zusammenspiel der Proportionen.

Nicht möglichst viel – sondern funktionell richtig

Bei der Beurteilung eines Hundes kann ein besonders ausgeprägter Brustkorb optisch beeindruckend wirken. Mehr Brust ist jedoch nicht automatisch bessere Brust. Für den Dalmatiner ist weder ein übermäßig breiter noch ein tonnenförmiger Thorax erwünscht. Ebenso unerwünscht ist ein schmaler, flacher und wenig geräumiger Brustkorb.

Gesucht wird vielmehr ein Thorax, der

  • ausreichend tief und geräumig ist,
  • gut gewölbte Rippen besitzt,
  • nicht übermäßig breit oder tonnenförmig wird,
  • seinen tiefsten Punkt auf Höhe des Ellenbogens hat und von diesem verdeckt bzw. überlagert wird,
  • sich ausreichend weit nach hinten entwickelt,
  • dem Schulterblatt eine funktionelle Gleitfläche bietet
  • und harmonisch in die gesamte Vorderhand integriert ist.

Der Brustkorb ist damit ein gutes Beispiel dafür, warum man Hunde nicht in Einzelteilen beurteilen sollte.

Rippenform beeinflusst Brustbreite. Brustbreite beeinflusst die Stellung der Vordergliedmaßen. Die seitliche Form des Thorax beeinflusst die Beweglichkeit der Schulterblätter. Brusttiefe und Rippenwölbung bestimmen gemeinsam das Volumen. Und alle diese Merkmale wirken sich schließlich auf den Bewegungsablauf aus.

Die entscheidende Frage bei der Beurteilung lautet deshalb nicht: Ist die Brust tief genug, breit genug oder stark genug ausgeprägt?

Sondern: Passt die Form des Brustkorbs zur gesamten Konstruktion des Hundes und ermöglicht sie die Bewegung, die für diese Rasse vorgesehen ist?

Beim Dalmatiner sollte genau das der Maßstab sein.


Quellen und weiterführende Literatur

Die anatomischen Grundlagen und die Angaben zum Rassestandard wurden anhand folgender Fachquellen geprüft:

Hinweis: Der Artikel erläutert Anatomie und Exterieurbeurteilung allgemein. Er ersetzt keine tierärztliche Untersuchung oder Diagnose.